24.04.2018

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Leseprobe aus "So ist meine Tierwelt"
Glossen von Joachim "Bommel" Fischer
ISBN 978-3-944201-13-9

Assel

Ich saß gerade dort, wo ich morgens zu sitzen pflege, und entdeckte in meinem Badezimmer eine Kellerassel. Eine Kellerassel? Ich wohne doch im Dachgeschoss. Wie? Ich bin Pazifist und wohne im Dach-Geschoss? Was für eine seltsame Bezeichnung für die oberste Etage im Haus. Sagen wir also lieber Mansarde, und dort entdeckte ich also jene Kellerassel. Das Tier wollte offenbar hoch hinaus. Vielleicht ging es der Assel eines Tages durch den Kopf, dass sie mal etwas anderes sehen wollte als immer nur den finsteren Keller des Hauses. Fortan reifte in ihr der Plan, zu entdecken, was sich über dem Keller befand. Ihre Mitasseln erklärten sie für verrückt, als sie ihnen davon erzählte. Kellerasseln, die im Haus nach oben klettern, so etwas habe es ja noch nie gegeben, bekam sie zu hören, ließ sich aber dadurch nicht erschüttern. Die kleine Kellerassel fand letztlich niemanden, der sie bei dieser Expedition begleitete. So machte sie sich allein auf den Weg, der mit allerlei Gefahren aufwartete, derer sie sich aber nicht bewusst war. Das Wort "Gefahr" gab es in ihrem von Forscherdrang geprägten Wortschatz nicht. Die kleine Kellerassel brauchte Tage, um das ganze Treppenhaus emporzuklettern. Mehrmals wäre sie dabei fast zertreten worden, doch ein Schutzengel stand ihr auf dem Weg nach oben zur Seite. Nun befand sie sich in meinem Badezimmer. Ein reinliches Tier offenbar, denn sonst hätte ich es wohl kaum dort angetroffen. Damit ich die Assel nach ihrem langen Weg nicht aus Versehen in meiner Wohnung zertreten würde, setzte ich sie behutsam auf den Dachboden. Sie wird sich über den unverhofften Transport gewundert haben. Wenn sie irgendwann wieder im Keller ist, erzählt sie vielleicht ihren Artgenossen, der liebe Gott habe ihr geholfen. Er wohne oben im Haus, sei seeeeehr groß, aber auch sehr lieb. Solange sich daraus keine Verpflichtung für mich ableitet, wäre das in Ordnung.


Maulwürfe

Mein Nachbar war verzweifelt. "Nun sieh dir mal meinen Rasen an", klagte er. Offenbar hatte es sich ein Maulwurf unter seiner sauber angelegten Grünfläche gemütlich gemacht. Zahlreiche kleine Hügel zeugten davon. "Was habe ich nicht schon alles versucht, um den kleinen Kerl zu vertreiben", stöhnte mein Nachbar, "aber nichts hat geholfen. Was soll ich nur tun?" Ich musste gar nicht lange über eine Antwort nachdenken: "Ich würde solch eine Hügellandschaft zu einem Kunstwerk erklären. Vor vielen Jahren ließ jemand Bilder von Affen malen. Kunstexperten stritten darüber, ob diese Bilder wirklich Kunst seien, es gab Pro und Contra. Du könntest diese Diskussion wieder anheizen, indem du die Maulwurfshaufen zu einer Kunstinstallation erklärst. Dein Maulwurf liefert mit seinem plastischen Werk neue Denkanstöße und du gibst ein paar Interpretationen. Die Hügel sehen aus wie verkleinerte Berge aus den Mittelgebirgen, und dass der Maulwurf seine Hügel in kurzer Zeit schafft, erinnert an Gottes Schöpfung, die der Bibel zufolge in wenigen Tagen abgeschlossen war. Der Maulwurf zeigt auch, dass sich die Natur gegenüber dem Menschen durchsetzt, der alles immer schön gleichmäßig haben möchte, wofür dein Rasen ein Sinnbild ist. Natur gegen Mensch - damit dreht sich die derzeitige Situation um. Wie könnte man das besser veranschaulichen als der Maulwurf? Er ist ein wahrer Künstler, die Fachwelt wird begeistert sein, du kannst Kunstinteressierte gegen Eintritt durch deinen Garten führen und verdienst damit noch Geld." Mein Nachbar war sichtlich beeindruckt: "Die Idee ist gut. Jetzt muss ich sie nur noch meiner Frau vermitteln." Ich hoffe, er hat Erfolg damit und beteiligt mich später an den Einnahmen.